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Welche Auswirkungen hat der demografische Wandel auf den Schweizer Arbeitsmarkt?

Veröffentlicht am 24.02.2022
Welche Auswirkungen hat der demografische Wandel auf den Schweizer Arbeitsmarkt?

Welche Auswirkungen der demografische Wandel auf den Schweizer Arbeitsmarkt hat, hat die Universität Basel im Rahmen eines Nationalfonds-Forschungsprojektes zusammen mit dem Forschungsinstitut Infras untersucht. Dazu wurden in der gesamten Schweiz Unternehmen aus sechs Branchen gefragt. Welche Kriterien für die Berechnung herangezogen wurden, und wie das Ergebnis ausgefallen ist, das erfahren Sie hier!

Forschungsprojekt untersucht Auswirkungen des demografischen Wandels
 
Um die Auswirkungen des demografischen Wandels auf den Schweizer Arbeitsmarkt zu untersuchen, ist ein Forschungsprojekt ins Leben gerufen worden, das vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstützt wird. Zusammen mit dem Forschungsinstitut Infras hat die Universität Basel bereits im Jahr 2018 rund 5000 Unternehmen aus allen Branchen des sekundären und tertiären Sektors in der französischen, deutschen und italienischen Schweiz kontaktiert. Rückmeldung kam von 695 Unternehmen, was einem Rücklauf von 14 Prozent entspricht. Anlass für das Forschungsprojekt ist die Veränderung des Arbeitsmarktes in den kommenden Jahren. Das Ausscheiden der Babyboomer aus dem Beruf wird dazu führen, dass der Anteil der Bevölkerung zwischen 20 und 64 Jahren von 62 Prozent im Jahr 2015 auf 56 Prozent im Jahr 2035 sinken wird. Schon heute haben Unternehmen Mühe, qualifizierte Fachkräfte zu finden. Und dieser Fachkräftemangel wird sich intensivieren.
 

Massgebliche Kriterien für die Durchführung des Forschungsprojektes
 
Sechs verschiedene Komponenten, sechs Branchen und das jeweilige Kompetenzniveau sind die Kriterien, auf denen die Ergebnisse des Forschungsprojektes basieren. Die am Forschungsprojekt teilnehmenden Unternehmen wurden nach Branchenzugehörigkeit in insgesamt sechs Kategorien zusammengefasst, nämlich in das Baugewerbe, das Gesundheitswesen, die IT-Branche, die Industrie, in die Branche "Handel, Verkehr und Lagerei" sowie in die Sammelkategorie "sonstige Dienstleistungen".
 
Um das Ausmass der Betroffenheit durch den demografischen Wandel zu erfassen, wurden sechs Komponenten berücksichtigt, die Ausbildung von Nachwuchs in Schweizer Unternehmen, die aktuelle Situation in Bezug auf den Fachkräftemangel sowie das Alter der Beschäftigten in der jeweiligen Branche. Berücksichtigt wurde auch die Möglichkeit, ausscheidende Fachkräfte durch Digitalisierung oder Automatisierung von Prozessen zu ersetzen. Eine weitere Komponente ist die Abhängigkeit vom Ausland und die damit zusammenhängende Rekrutierung von Arbeitskräften sowie die Substituierbarkeit. Das ist die Möglichkeit, Arbeitskräfte aus einem tieferen Kompetenzniveau unternehmensintern fortzubilden, um durch Pension ausscheidende Mitarbeiter zu ersetzen.
 
Mit Kompetenzniveau ist die Qualität der Ausbildung gemeint, die ebenfalls in die Auswertung mit eingeflossen ist. Kompetenzniveau 1 umfasst insbesondere akademische Fachkräfte. Kompetenzniveau 2 bezeichnet spezialisierte Fachkräfte mit praktischen Fähigkeiten, während Kompetenzniveau 3 vor allem einfachere praktische Berufe beschreibt, für die in der Regel eine mehrjährige praktische Ausbildung erforderlich ist. Was bleibt ist Kompetenzniveau 4, zu dem Hilfsarbeitskräfte gehören.
 

Ergebnis des Forschungsprojektes: Die vom demografischen Wandel besonders betroffenen Branchen
 
Für jede Branche und für jedes Kompetenzniveau wurde jeweils ein Indexwert errechnet, der zwischen 0 und 100 liegt. Dabei ist 100 der Wert, der die grösste Betroffenheit vom demografischen Wandel kennzeichnet.
 
Und das ist das Ergebnis des Forschungsprojektes:
 
  • Insgesamt schneidet das Baugewerbe mit einem Wert von 49 Punkten am schlechtesten ab, wobei das Kompetenzniveau 3 den höchsten Indexwert aufweist. Handwerker sind insbesondere aufgrund der fehlenden Nachwuchskräfte Mangelware. Einer der Gründe ist, dass junge Menschen kaum noch klassische Handwerksberufe ergreifen und stattdessen auf andere Branchen ausweichen. Ausländische Arbeitskräfte haben das Problem, dass ihre Ausbildung nicht in der Schweiz anerkannt wird und sie deshalb als Hilfskräfte eingesetzt werden.
 
  • Gleiches gilt für das Gesundheitswesen mit 47 Punkten. Dabei sind es vor allem die ersten drei Ausbildungsstufen, die sehr vom demografischen Wandel betroffen sind, nämlich Ärzte und Chirurgen auf Kompetenzniveau 1, gefolgt von Medizintechnikern und Fachangestellten auf Kompetenzniveau 2 sowie auf Kompetenzniveau 3 die Pflegeberufe. Zumindest in Teilen ist der Fachkräftemangel im Gesundheitswesen die Folge einer Politik, die auf strikten Regulierungen basiert. Hinzu kommt, dass die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen und damit der Bedarf an Arbeitskräften steigen.
 

In der Industrie ist es vor allem Kompetenzniveau 3, das einen erhöhten Bedarf an Fachkräften hat. In Handel, Verkehr und Lagerei ist es ebenfalls das Kompetenzniveau 3, das den höchsten Indexwert aufweist. In der IT-Branche sind die Werte durch das niedrige Durchschnittsalter weniger beunruhigend, während bei den sonstigen Dienstleistungen aufgrund der Vielfalt dieser Branche eine Einschätzung schwer fällt.
 
Festzuhalten ist, dass der Arbeitsmarkt in der Schweiz durch den demografischen Wandel vor einer grossen Herausforderung steht. Allerdings sind die Unternehmen dem Fachkräftemangel nicht hilflos ausgeliefert. Stattdessen können sie mit wirksamen Massnahmen dagegen steuern. Eine Möglichkeit ist, interne Mitarbeiter entsprechend zu qualifizieren, damit sie die Posten, in denen ein Mangel herrscht, übernehmen können. Dem Fachkräftemangel wirkt auch die fortschreitende Technologisierung entgegen. Möglicherweise kann der Weggang der einen oder anderen Fachkraft mithilfe digitaler Lösungen oder automatisierter Prozesse aufgefangen werden. Diesbezüglich stehen jedoch noch keine Daten zur Verfügung. Eine entscheidende Rolle spielt auch die Politik, die dringend die Rahmenbedingungen an den demografischen Wandel anpassen sollte, um beispielsweise durch mehr Studienplätze in Medizin mehr Ärzte auszubilden.