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So erkennen Sie versteckte Formulierungen in Arbeitszeugnissen

Veröffentlicht am 22.04.2021
So erkennen Sie versteckte Formulierungen in Arbeitszeugnissen
Wenn Sie nach Beendigung eines Arbeitsverhältnisses ein Zeugnis von Ihrem Arbeitgeber verlangen, darf dieser keine Aussagen treffen, die Sie diskreditieren oder in einem negativen Licht dastehen lassen. Derartige Phrasen oder sogar unwahre Behauptungen sind gesetzlich verboten. Andererseits müssen Sie wissen, dass sich unter Personalchefs versteckte Formulierungen entwickelt haben, die auf den ersten Blick positiv aussehen, in Wirklichkeit aber gegenteilig gemeint sind. Wenn Sie dies nicht erkennen und entschlüsseln können, könnte die Suche nach einer neuen Stelle recht schwierig werden.
Prüfen Sie deshalb auch positive Phrasen und «schöne» Worte daraufhin, ob sie nicht ein negatives Urteil beinhalten. Ein kleiner Tipp: Nehmen Sie sich die Formulierungen vor, die doppeldeutig gemeint sein können und halten Sie sich eine negative Deutung vor Augen. Eine Aussage wie «Sie handelte stets entsprechend ihrer Möglichkeiten und Fähigkeiten» kann real dann nämlich «Sie war komplett unfähig, ihre Aufgaben zu erledigen» bedeuten.
 
 
Jedes Arbeitszeugnis besteht aus drei wesentlichen Abschnitten
 
Im Gegensatz zu einem einfachen Arbeitsnachweis enthält ein qualifiziertes Arbeitszeugnis drei wesentliche Komponenten: die Leistungs- und Verhaltensbeurteilung sowie eine Abschlussformel. In diesem Zusammenhang sollten Sie besonders auf die verschiedenen Aussagen achten. Wenn jemand laut Leistungsbeurteilung «die Erwartungen im Wesentlichen erfüllt» hat, kann dies auch bedeuten, dass die Arbeitsleistung meistens mangelhaft war. Wird das Verhalten einer Mitarbeiterin als «stets umgänglich» beschrieben, steckt nicht selten dahinter, dass niemand sie so richtig leiden konnte. Und ein Satz in der Abschlussformel wie «Er verlässt unser Unternehmen auf eigenen Wunsch» bedeutet, dass er keine ernstzunehmende Lücke hinterlässt.
 
 
Codes wie Schulnoten im Zeugnis
 
Manche Codierungen im Arbeitszeugnis lassen sich wie Schulnoten interpretieren. Einer Note 1 zum Beispiel entspricht die Formulierung «stets zur vollsten Zufriedenheit», einer Note 2 «zur vollen Zufriedenheit» bis hin zu «im Grossen und Ganzen» und «sie hat sich bemüht», was einer 5 und 6 gleichkommt. Vor allem, wenn Sie die beiden letzten Phrasen in Ihrem Arbeitszeugnis lesen, sollten Sie aufhorchen, denn damit werden Sie bei Ihrer Suche nach einer neuen Stelle nicht punkten können.
 
 
Die Bedeutung der Abschlussformel
 
In der Schlussformel, falls vorhanden, wünschen Arbeitgeber häufig alles Gute für die Zukunft, weiterhin viel Erfolg oder geben an, dass der Arbeitnehmer den Betrieb auf eigenen Wunsch hin verlassen hat. Diese letzten Sätze haben in jüngster Vergangenheit stark an Bedeutung gewonnen.
 
Denn zum einen kann der Abschluss noch einmal einen positivden Gesamteindruck verstärken oder auch exakt das Gegenteil auslösen, je nachdem, wie die Leistungs- und Verhaltensbeurteilungen aussehen. Dahinter kann sich aber auch Ironie verstecken, die bei Personalern Zweifel über die Fähigkeiten eines Bewerbers wecken.
 
Es kann aber auch sein, dass Ihr Arbeitgeber die Abschlussformel ganz weglässt, denn ihre Abfassung ist in einem qualifizierten Zeugnis freiwillig. Ein Weglassen wird in der Regel als negativ betrachtet.
 
 
Neuere Negativcodes in Arbeitszeugnissen
 
Leider es seit einigen Jahren neue Formulierungen in Arbeitszeugnissen, mit denen Personaler negative Aussagen treffen, die nicht einfach zu erkennen und zu deuten sind. Dazu zählen die Betonung von unwichtigen Dingen, das Weglassen von wesentlichen Kriterien und Standards, starke Übertreibungen, falsche Reihenfolgen bei der Auflistung hierarchischer Strukturen oder auch eine passive statt aktiver Sprache.
 
 
Was nicht in einem Arbeitszeugnis stehen darf
 
Bestimmte Angaben zur Person dürfen in einem Zeugnis auf keinen Fall auftauchen. Dies betrifft Dinge wie den Kündigungsgrund, das letzte Gehalt, die Tätigkeit im Betriebsrat oder in einer Gewerkschaft, aber auch sehr persönliche Angelegenheiten wie Schwangerschaften, Elternzeiten, Erkrankungen, Konfessionen und Parteizugehörigkeiten und einiges mehr.
 
Es sind aber eher versteckte Formulierungen und gewissermassen geheime Botschaften, die jedes Jahr zu zahlreichen Gerichtsprozessen im Zusammenhang mit Arbeitszeugnissen führen und sehr häufig zu Gunsten der Arbeitnehmer entschieden werden.
 
 
Was in einem Zeugnis stehen muss
 
Es gibt aber auch Angaben, die im Interesse des bisherigen Arbeitgebers in einem Arbeitszeugniss stehen müssen. Hat der Arbeitnehmer wiederholt gegen Treuepflichten verstossen, betrogen oder Diebstähle von Firmeneigentum begangen, kommt ein Betrieb nicht darum herum, dieses festzuhalten. Denn bei Nichterwähnung könnte er vom neuen Arbeitgeber in eine Regresspflicht genommen werden, wenn der Arbeitnehmer seine kriminellen Handlungen fortsetzt.
 
 
So können Sie gegen ein negatives Zeugnis vorgehen
 
Falls Sie glauben, dass Ihr Arbeitszeugnis Mängel enthält oder nicht Ihre tatsächliche Leistung widerspiegelt, können Sie die Annahme verweigern und Änderungen verlangen. Dies gilt sogar, wenn Rechtschreib- oder Grammatikfehler vorkommen. Sie müssen deswegen aber nicht gleich eine Klage einreichen.
 
Am besten suchen Sie zunächst ein direktes Gespräch mit Ihrem Arbeitgeber. Die Erfahrung hat gezeigt, dass besonders in kleinen und mittelständischen Unternehmen nicht bekannt ist, welche Voraussetzungen für ein ordentliches Arbeitszeugnis erfüllt sein müssen. Eine Aussprache kann Schwierigkeiten manchmal schnell aus der Welt schaffen.
 
Reagiert ihr Arbeitgeber nicht oder zeigt sich unwillig, können Sie einen schriftlichen Widerspruch einlegen. Zeigen Sie die negativen Textstellen auf und machen Sie alternative Vorschläge. Wenn die beiden ersten Schritte nicht zu einer Reaktion führen, können Sie vor einem Arbeitsgericht dagegen klagen. In solch einem Fall macht es Sinn, einen Rechtsanwalt einzuschalten, damit keine Fristen versäumt und Ihre Argumente fachlich versiert untermauert werden.