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Plötzlich im Homeoffice: Belastungsprobe für Paare

Veröffentlicht am 08.02.2021
Plötzlich im Homeoffice: Belastungsprobe für Paare
Beziehungen werden in Zeiten von Corona vor eine harte Belastungsprobe gestellt. Das gilt vor allem für Paare, die es gewohnt sind, die meiste Zeit des Tages am Arbeitsplatz zu verbringen. Doch es gibt Strategien, die Ihnen und der Beziehung helfen.
Der Krisenvertrag 
Einen vielversprechenden Ansatz für dauerhaft erfolgreiche Beziehungen hat Jennifer Petriglieri, die an der Business School Insead in Frankreich doziert, im Rahmen ihrer mehrjährigen Forschungsarbeit entdeckt. Demnach scheinen Paare eine schwierige Phase am besten zu meistern, wenn sie möglichst früh ganz konkrete Vereinbarungen treffen. Werden die eigenen Wünsche und Erwartungen klar miteinander kommuniziert, können die Partner besser darauf eingehen und es lassen sich leichter angemessene Kompromisslösungen finden. So unromantisch ein solcher "Krisenvertrag" auch erscheinen mag: Er hilft im Alltag dabei, Konflikte von vornherein zu vermeiden. Dadurch sinkt das Risiko, dass sich eine ohnehin schon angespannte Situation weiter zuspitzt und schliesslich eskaliert. Das gilt für das Führen einer erfolgreichen Beziehung im Allgemeinen und in Zeiten der Pandemie umso mehr. 
 
Ob die einzelnen Punkte nur mündlich vereinbart oder sogar schriftlich festgehalten werden, ist dabei sekundär. Das Aufschreiben kann allerdings hilfreich sein, um sich auch später noch daran zu erinnern. Wichtiger ist es aber, das Übereinkommen nicht als starre Sammlung von Richtlinien zu betrachten. Stattdessen müssen einige Dinge von Zeit zu Zeit neu diskutiert oder um zusätzliche Aspekte ergänzt werden. Immerhin bringt das Leben ständig neue Situationen hervor, die Partnerschaft entwickelt sich weiter und die beteiligten Individuen sowieso. Viele Dinge, die unter gewohnten Umständen funktioniert haben, erhalten im Lockdown eine völlig neue Gewichtung. Dass plötzlich Beide Tag für Tag zu Hause sitzen, dürfte sich am Anfang der Partnerschaft wohl kaum jemand vorgestellt haben. Damit aus der globalen Krise keine Beziehungskrise wird, ist spätestens jetzt das Aufsetzen eines solchen Krisenvertrags eine gute Idee. 
 
Pragmatische Lösungen durch Kooperation 
Bevor man gemeinsam konkrete Lösungen und Regeln formuliert, sollte sich zunächst jeder einige Minuten Zeit für sich selbst nehmen. Überlegen Sie genau, was Ihnen wichtig ist und notieren Sie sich alle Ideen und Einfälle auf einem Blatt Papier. Neben den Aspekten, die Ihre eigenen Bedürfnisse betreffen, können Sie auch bereits Vorschläge festhalten, wie gewisse Details zu Hause und bezogen auf das Miteinander sinnvoll gestaltet werden könnten. Anschliessend setzen Sie sich zusammen und gehen die Notizen durch. Auf einem zusätzlichen Papier können nun die Punkte zusammengetragen werden, in denen Sie sich bereits einig sind. Alle weiteren diskutieren Sie und ergänzen die Liste somit nach und nach. Damit die Vereinbarungen auch erfolgreich sind, obliegt es dabei beiden Parteien, nicht gegeneinander zu arbeiten, sondern mit einer kooperativen Einstellung an die Sache heranzugehen. Da noch nicht abzusehen ist, wie lange die Corona-Krise noch unser Leben begleitet, müssen Sie sich darauf einstellen, dass die Lösungen auch langfristig funktionieren können sollten. 
 
Was gehört in den Krisenvertrag? 
Da die aktuelle Lage inzwischen nicht mehr völlig neu ist, dürften sich in den meisten Partnerschaften bereits viele Probleme gezeigt haben, die mit der speziellen Situation zusammenhängen. Denn so gross die Liebe auch sein mag: Zu viel gemeinsame Zeit hat fast immer auch negativen Einfluss. Für einige konkrete und wiederkehrende Konflikte sind deshalb wahrscheinlich schon vage Lösungsvorschläge vorhanden. Diese können zusammen noch genauer ausgeführt werden. 
 
Aktuelle Ziele 
Ein anderer wichtiger Teil sind die aktuellen Ziele beider Partner, über die Sie sich Gedanken machen sollten. Während der eine seine berufliche Ausrichtung oder Qualifikation anpassen oder erweitern will, möchte der andere vielleicht ein neues Hobby oder regelmässigen Sport für sich etablieren. Manche denken über die Erziehung und Ausbildung der Kinder nach oder planen Umbaumassnahmen oder die Neugestaltung der heimischen Einrichtung. Wie man diese Vorhaben zeitlich und inhaltlich am besten mit der Beziehung in Einklang bringt, lässt sich im Rahmen der Vertragsverhandlungen leicht herausfinden. 
 
Sorgen und Ängste 
Hat man bestimmte Sorgen um die Gesundheit, den Job o. a., ist es allein schon für einen selbst enorm hilfreich, diese durch das Aufschreiben zu externalisieren. Nicht immer teilt der Partner die gleichen Bedenken. Dennoch sollten sie auf jeden Fall mitgeteilt und vom anderen auch ernst genommen werden. Einfühlsamkeit ist die Grundlage dafür, diese Belastungen abzufedern oder sogar zu zerstreuen. 
 
Erwartungen an die Beziehung 
Da eine Beziehung stets mehr ist als die Addition zweier Persönlichkeiten, ist das, was wir uns von der Partnerschaft und dem Partner wünschen, besonders wichtig. Dazu kann die Unterstützung bei der Erziehung gehören oder ein tägliches Zeitfenster, in dem man über die Ereignisse des Tages spricht. Oder es stellt sich heraus, dass man bestimmten Aufgaben nicht alleine gewachsen ist und sich Entlastung durch den Partner erhofft. Häufig stehen die Bedürfnisse in direktem Widerspruch zueinander: Während sich einer von beiden z. B. mehr Freiraum erhofft, sehnt sich der andere nach mehr Nähe. Für diese Bedürfnisse funktionierende Lösungen zu finden, ist die wohl grösste Herausforderung und Chance zugleich, dass die Partnerschaft die Krise nicht nur übersteht, sondern sogar gestärkt daraus hervorgeht.