«Nichts liegt mir ferner als der Ruhestand»

Job-Storys 20. September 2016
«Nichts liegt mir ferner als der Ruhestand»
40 Jahre lang arbeitete Manfred Schneeberger in der Finanzbranche. Dann schlief der Kantonalbank-Filialleiter nach den Ferien über einem Dossier ein. Höchste Zeit für den damals 56-Jährigen, die Bankenwelt zu verlassen und sich auf die Suche nach seiner Berufung zu machen.

Interview: Mathias Morgenthaler
 
Herr Schneeberger, Sie haben kürzlich Ihren 60. Geburtstag gefeiert. Setzen Sie sich gedanklich schon mit der Pensionierung auseinander?

MANFRED SCHNEEBERGER: Für mich wird es keine Pensionierung geben – solange ich gesund bin, werde ich weiter arbeiten. Nichts liegt mir im Moment ferner als der Ruhestand, denn ich bin gerade so richtig am Durchstarten. Wenn ich meine Alterskollegen höre, welche die Pensionierung herbeisehnen und hoffen, dann beginne für sie endlich das richtige Leben, befremdet mich das. Ich glaube, wir sollten nicht das wahre Leben auf später verschieben, sondern alles daran setzen, unsere Berufung zu finden.

Wie haben Sie zu Ihrer Berufung gefunden?

Ich habe 40 Lehr- und Wanderjahre gebraucht, um die Essenz zu erkennen. Als Kind stand für mich Sport an erster Stelle, ich war ein talentierter Radfahrer, aber damals war es noch nicht üblich, ganz auf die Karte Sport zu setzen. Der Chef meines Vaters sagte, der Bub solle doch eine KV-Lehre machen, also startete ich beim damaligen Bankverein meine Berufslaufbahn. Ich stieg bei der Bank auf, aber während diesen 18 ersten Berufsjahren beschlichen mich immer wieder Zweifel, weil ich den Eindruck hatte, dass wir oft stärker im Interesse der Bank als im Interesse der Kunden handelten.

Wie haben Sie auf die Zweifel reagiert?

Eines Tages war ich so weit, dass ich den Job kündigte und vollkommen naiv ein Fitnessstudio übernahm. Als dessen Geschäftsführer war ich jung, dynamisch und erfolglos. Ich bezahlte viel Lehrgeld, versuchte, den Betrieb zu reorganisieren, hatte aber nicht genügend finanzielle Mittel. Also beteiligte ich zwei Partner und arbeitete 70 bis 80 Stunden pro Woche. Dank diesem Effort überlebte das Fitnessstudio, aber meine Ehe ging in die Brüche und ich stand vor einem Scherbenhaufen. In dieser Krisensituation sprach mich jemand vom deutschen Finanzdienstleister AWD an und überzeugte mich, für AWD als Finanzplaner zu arbeiten.

War das ein Fortschritt – von der Bank via Fitnessclub zu AWD?

Ich lernte bei AWD eine Menge über Allfinanzdienstleistungen, aber bald kam es mir suspekt vor, dass ich immer die besten Resultate erzielte, aber dennoch fast nichts verdiente. Ich arbeitete danach ein Jahr lang in einer Behinderten-Wohngemeinschaft – eine Erfahrung fürs Leben, die mir geholfen hat, Berührungsängste und Vorurteile über Bord zu werfen. Danach gründete ich mit 3 Partnern eine Finanzplanungsfirma. Nach kurzer Zeit erkrankten zwei der drei Partner schwer, und ich stellte mir die Grundsatzfrage, was ich im Alter von 50 Jahren noch anpacken wollte, was mir wirklich wichtig war. So ganz frei war ich allerdings nicht bei der Suche nach Antworten, denn die Existenzangst sass mir im Nacken. Ich musste Alimente bezahlen und suchte deshalb einen Job, der mir ein sicheres Überleben garantierte.

Klingt nach einem Job bei einer Bank.

Genau. Ich trat eine Stelle bei der Luzerner Kantonalbank an, wurde nach einigen Jahren Filialleiter der Schwyzer Kantonalbank und hätte nicht sagen können, woran es mir fehlte. Bis ich vor vier Jahren, am ersten Montag nach meinen Ferien, an meinem Chefpult über einem Dossier eingeschlafen bin. Das hat mir sehr zu denken gegeben.

Da nahmen Sie den nächsten Neuanfang in Angriff?

Ja, ich liess mir noch den Bonus auszahlen und reichte dann die Kündigung ein. Bereits am ersten Tag nach den Ferien hatte ich das Konzept für mein eigenes Unternehmen verfasst. Ich wollte Mediation und Finanzcoaching anbieten – das eine aus Überzeugung, das andere zur Absicherung, weil ich das nun einmal gelernt hatte. Die Mediation wurde tatsächlich zum wichtigsten Standbein. Statt mit Finanzcoaching ergänzte ich sie mit einem ganzheitlichen Bewegungstraining.

Wie arbeiten Sie als freiberuflicher Mediator?

Hauptsächlich begleite ich Paare bei der Trennung und Scheidung. Das macht rund zwei Drittel meiner Arbeit aus. Das Problem bei Trennungen ist, dass die Betroffenen emotional stark belastet sind und gleichzeitig viele finanzielle und organisatorische Dinge klären sollten. Da ist die Gefahr gross, dass Verletzungen den Weg zu fairen Lösungen verbauen. Beide Seiten misstrauen und bekämpfen sich, holen sich je einen Anwalt und bald gibt es zwei Verlierer. Als Mediator stelle ich die gemeinsamen Interessen in den Vordergrund, versuche beide Parteien für die Sicht der anderen Seite zu sensibilisieren und kann auch mit Rat zur Seite stehen, wenn es um heikle finanzielle Fragen geht. Zudem nutze ich den Humor als positive Kraft.

Ist es nicht trotzdem deprimierend, dauernd mit Kunden im emotionalen Ausnahmezustand zu tun zu haben?

Ich habe selber eine schwierige Scheidung nach altem Eherecht erlebt, musste mich als Beschuldigter verteidigen und zahlte nicht nur finanziell einen hohen Preis, sondern auch emotional, indem ich zwei Jahre lang keinen Kontakt zu meinen Kindern hatte. Wenn es mir gelingt, als Mediator dazu beizutragen, dass die trennungswilligen Partner im Gespräch bleiben und sich nicht vor Gericht bekämpfen, dann ist das eine sehr befriedigende Aufgabe.

Und welche Fertigkeiten vermitteln Sie ihren Kunden als Bewegungstrainer?

Manchmal steht das körperliche Training im Vordergrund, manchmal geht es eher um Mentaltraining – etwa bei älteren Kunden, welche die Stelle verloren haben und sich auf dem Abstellgleis wähnen. Ich stelle in solchen Fällen eine einzige Frage ins Zentrum: «Was willst du wirklich?» Dann erzählen mir die Kunden, was alles nicht mehr möglich sei, wo sie nicht mehr gefragt seien, wofür es längst zu spät sei etc. Ich insistiere und sage: «Vergiss, wie alt du bist, was du gelernt hast, wer du bist, wie viel Geld du brauchst. Konzentrier dich ganz darauf, was dich ausmacht und zu was du dich hingezogen fühlst.»

Sie zum Beispiel haben spät noch mit Modeln angefangen.

Ja, man kann mich über zwei Agenturen buchen für Werbeshootings. Der Apfelsaft-Spot mit mir lief im Fernsehen und in den Kinos, und auch für Swisscom, Swiss Life, Credit Suisse, Migros und die Heilsarmee stand ich in letzter Zeit vor der Kamera. Ich darf sagen: Für 60-jährige männliche Models ist der Markt ziemlich gut.
Kontakt und Information:
mail@manfred-schneeberger.ch oder www.manfred-schneeberger.ch

Legende: Manfred Schneeberger: «Wir sollten das wahre Leben nicht auf später verschieben.»