«Ich war in vielfacher Hinsicht ahnungslos»

Job-Storys 01. April 2016
«Ich war in vielfacher Hinsicht ahnungslos»
Kann eine Mutter kleiner Kinder, welche die Schweiz nicht kennt und keine Landessprache spricht, eine Frauenmesse organisieren? Lisa Chuma hat es geschafft. Ihre Women’s Expo findet dieses Jahr bereits zum vierten Mal statt. Die 31-jährige Simbabwerin sagt, ihre Ahnungslosigkeit und ihr eigener Werdegang hätten ihr dabei geholfen. Ihr nächstes Ziel: Als erste farbige Frau ins Parlament einziehen.

Interview: Mathias Morgenthaler
 
Frau Chuma, wovon haben Sie als Kind in Simbabwe geträumt?

LISA CHUMA: Ich hatte keine Träume, aber ein loses Mundwerk und wenig Hemmungen. Ich befreundete mich leicht mit anderen Mädchen, war eine gute Netzwerkerin. Praktisch all meine Freundinnen träumten davon, als Flugbegleiterinnen die weite Welt zu sehen. Ich wusste als Kind nur: Ich will ein eigenes Business aufbauen, nicht von anderen abhängig sein. Und ich will später meiner Mutter etwas zurückgeben als Dank für alles, was sie für mich getan hat.

Als Sie 16 waren, zogen Sie mit Ihrer Mutter nach London. Was hat sich dadurch für Sie verändert?

Meine Mutter erhielt die Chance, als Krankenschwester in East London im Royal Hospital zu arbeiten. Wir lebten in einer Art Wohngemeinschaft mit anderen Frauen, teilten uns die Räume und die Rechnungen. Damals erlebte ich im Kleinen, wie kraftvoll Frauennetzwerke sein können. Ich studierte Betriebswirtschaft, machte mit 21 Jahren den Bachelor und lernte meinen Mann kennen, der ebenfalls aus Simbabwe nach London gekommen war. Ich sagte ihm sehr bald: «Hey, ich werde nicht zuhause sitzen und die Kinder erziehen, ich will die Welt verändern. Wenn wir Kinder wollen, dann sofort, ab 30 wird die Karriere im Vordergrund stehen.»

Hat er sich gefügt?

Ich bin jetzt 31, der ältere Sohn ist 10-jährig, der jüngere 18 Monate alt, die Tochter sechseinhalb. Es hat also alles geklappt wie geplant. Mein Mann ist im IT-Business tätig, er hat einen Teil der Hausarbeit und Kinderbetreuung übernommen.

Man hat tatsächlich Mühe, sich Sie als Angestellte vorzustellen.

Ich habe es versucht. Ein Jahr lang arbeitete ich im britischen Finanzministerium. Wie kann man dort sitzen und sich sagen lassen, was man zu tun hat? Für mich war es eine Qual. Ich kündigte bald und widmete mich nach der Geburt unseres ersten Sohnes einem Thema, das mich sehr beschäftigte. Ich will nicht von Rassismus reden, aber weisse und schwarze Frauen lebten in komplett getrennten Sphären. So lancierte ich die Online-Publikation «Inspirational Women Magazine», in der sich Frauen aus allen Kontinenten und allen Ethnien zu Wirtschafts- und Gesellschaftsthemen äusserten.

Vor fünf Jahren kamen Sie wegen der Arbeit Ihres Mannes in die Schweiz. Was hiess das beruflich für Sie?

Mein Magazin konnte ich von überall aus produzieren, aber sonst war das komplettes Neuland für mich. Ich wusste nichts von der Schweiz, beherrschte keine Landessprache, kannte niemanden. Um mich rascher zurechtzufinden, besuchte ich Networking-Events und lernte dort viele Frauen kennen, die wunderbaren Tätigkeiten nachgingen, aber praktisch unsichtbar blieben damit. Ich wunderte mich über diese Neigung, die Dinge klein zu belassen, im Verborgenen zu bleiben. Und ich stellte fest, dass es auch hier eine unsichtbare Linie gab, die Schweizerinnen und Expats trennte. So entschied ich mich 10 Monate nach meiner Ankunft in der Schweiz, eine Frauen-Expo zu machen, um alle zusammenzubringen: Unternehmerinnen, Managerinnen, Kundinnen.

Hatten Sie keine Bedenken, wie Sie das finanzieren und ob sich genug Ausstellerinnen und Besucherinnen finden lassen?

Doch, natürlich, ich zögerte, ob ich wirklich einen ganzen Raum im Kongresshaus Zürich mieten sollte. Nachdem ich ein Datum bestimmt, eine Website aufgeschaltet und zuhause simple Flyer ausgedruckt hatte, nahm die Geschichte rasch Fahrt auf. Es registrierten sich die ersten 20 Ausstellerinnen, bald waren es 40, dann ein Artikel mit Bild in der NZZ, wie mir eine Freundin aufgeregt berichtete. Ich fragte: «NZZ? Ist das eine grössere Zeitschrift?» Ich war in vielfacher Hinsicht ahnungslos – und das war gut so, denn wenn ich vorgängig genau analysiert hätte, ob es erfolgversprechend ist, als Ausländerin ohne Deutschkenntnisse und Netzwerk eine Frauenmesse zu lancieren, dann hätte ich es vielleicht nicht gewagt.

Die Ahnungslosigkeit war also Ihr Vorteil?

Einige Frauen haben mir gesagt: «Lisa, es brauchte eine wie dich für einen solchen Event, wir hätten diesen Schritt nie gewagt.» Oft braucht es einen besonderen Antrieb, einen Leidensdruck, damit etwas Neues entsteht. Wenn man komfortabel in seinem Umfeld lebt, fehlt die Kraft zur Veränderung. Bei mir ergab sich der Antrieb zur Vernetzung ganz natürlich. Für mich war es eine Überlebensstrategie, Türen zu öffnen, Grenzen zu überschreiten. Ich war 4-jährig, als sich meine Eltern trennten. Meine Mutter war Opfer häuslicher Gewalt geworden und wollte uns schützen. Das hat sicher einen Einfluss auf meine heutige Tätigkeit, die darauf abzielt, Brücken zu bauen, Menschen zusammenzubringen, eine grosse Familie aus Unternehmerinnen und Kundinnen zu schaffen. Wenn am 10. April wieder 160 Ausstellerinnen und 2000 Besucherinnen an der Women Expo zusammenfinden, ist das für mich ein sehr schöner Moment.

Wie schaffen Sie die Organisation eines solche Events als Mutter dreier kleiner Kinder?

In Simbabwe wachsen Kinder weniger behütet auf als in der Schweiz – wir werden vom Leben in jungen Jahren zur Unabhängigkeit und Selbständigkeit erzogen. Meine Erziehung steht unter dem Motto: Ich arbeite mit meinen Kindern, nicht für sie. Konkret stellt sich der Älteste den Wecker, geht duschen, weckt seine Schwester, diese weckt den Jüngsten, dann frühstücken sie gemeinsam. Die Kinder unterstützen sich gegenseitig und sagen mir, was sie brauchen. Wenn der 10-Jährige sein Schwimmzeug vergisst, renne ich ihm nicht damit in die Schule nach, dann geht er halt nicht schwimmen. Das heisst aber nicht, dass wir wenig Kontakt haben. Ich nehme sie manchmal zu Sitzungen mit. An der Expo wird meine Tochter Cupcakes verkaufen, ihr Bruder wird sie beim Einkassieren unterstützen. So lernen sie früh, was Unternehmertum bedeutet. Es ist niemanden gedient, wenn Eltern ihre Kinder zum Hauptprojekt ihres Lebens machen.

Welche Ziele haben Sie für die nächsten Jahre?

Das erste Ziel ist, die Women's Expo weiter wachsen zu lassen und sie in der Messe Zürich zu etablieren. Damit das gelingt, muss ich starke Sponsoren finden, was mir bisher leider nicht genügend gelungen ist. Manche Entscheidungsträger haben Vorurteile, halten unsere Messe für irrelevant. Trotz dem Fakt, dass 80 Prozent der Kaufentscheide von Frauen gefällt werden und wir mit unserer PR Hunderttausende erreichen. Und ja, ich bin frech: ich will als erste farbige Frau ins Schweizer Parlament. Das ist ein Fernziel, denn im Moment habe ich noch keinen Schweizer Pass, aber ich will dorthin, wo die Entscheidungen gefällt werden, um etwas verändern zu können.
 
Information und Kontakt (in Englisch):
www.womenexpo.ch oder info@womenexpo.ch

Legende: Lisa Chuma: «Ich arbeite mit meinen Kindern, nicht für sie.» Foto: Sonja Ruckstuhl