Ich kenne das. Du bist nicht allein

Job-Storys 31. Januar 2014
Ich kenne das. Du bist nicht allein
Ein Gespräch mit Musiker Christoph Trummer (35) über schmerzhafte Verluste, heitere Melancholie und die Herausforderung, Songs zu schreiben, die Freundschaftsdienste leisten.

Interview Mathias Morgenthaler

 
Sie leben seit 10 Jahren hauptsächlich von der Musik. Wann war Ihnen klar, dass Sie ein Musiker sind?
Christoph Trummer:
Ich wurde Musiker, ohne mich bewusst dafür zu entscheiden. Mein Vater spielte schon als Siebenjähriger im Posaunenchor Frutigen, mein Grossvater war dort ebenfalls aktiv. Ich lernte früh Trompete und später Gitarre. Lieder machte ich irgendwie schon immer. Ich erinnere mich nur noch, dass ich in der siebten Klasse erstmals das Gefühl hatte, nun sei mir ein richtiges Lied gelungen, eines, das mein Gefühl einfängt. Es ging, wen wunderts, um Liebeskummer.

Singen Sie auch heute noch über Privates?
Trummer:
Als Künstler schöpft man hauptsächlich aus dem Fundus der eigenen Erfahrung. Aber Privates ungefiltert in Liedern zu verarbeiten, finde ich uninteressant. Umgekehrt berührt man nur dann, wenn man auch das eigene Berührt-Sein zugibt.

Haben Sie ein Beispiel für so eine Erfahrung, die Ihre Musik geprägt hat?
Trummer:
Meine Eltern sind beide früh gestorben. Ich war 19, als ich meinen Vater verlor, 22, als meine Mutter starb. Es wäre mir nie in den Sinn gekommen, explizit den Verlust meiner Eltern zu beschreiben in meinen Liedern. Aber weil die Kunst für mich der Ort ist, wo eine differenzierte Auseinandersetzung mit allen Facetten des Lebens stattfindet, ist es klar, dass die Verlust-Thematik in meiner Musik einen wichtigen Platz hat.

Man hat Sie oft als Grübler oder Melancholiker bezeichnet.
Trummer:
Melancholie ist eine nachdenkliche Perspektive auf das Leben, die aber nicht zwingend finster und negativ sein muss. Melancholische Kunst hat ebenso ihre Schönheit wie etwa die verspielte Art eines Jean Tinguely.

Haben Sie sich je gefragt, ob Sie ein anderer Künstler geworden wären, ohne den frühen Verlust der Eltern?
Trummer:
Ich habe mir eher die Frage gestellt, was mit mir geschehen wäre, wenn ich diese Erfahrung nicht in meiner Musik hätte verarbeiten können. Ich war beim Schritt ins Erwachsenenleben stark auf mich gestellt, ein wichtiger Teil des Loslösungsprozesses fiel weg, es gab kein Echo von zu Hause, keine Eltern, die sich Sorgen machten. Ich war dadurch auf eine seltsame Art frei – und misstraute dieser Freiheit lange, weil ich dachte, irgendwann komme noch der Zusammenbruch. Wenn ich heute meine Songs von damals betrachte, sehe ich, dass ich mich dem gestellt habe, dass die Gefühle von Verlust und Vergänglichkeit gut aufgehoben waren in den Liedern. Ich habe keine Ahnung, was ich ohne Musik damit gemacht hätte.

Warum haben Sie zu Beginn konsequent englisch gesungen?
Trummer:
Vor 15 Jahren gab es noch keine Mundartwelle, richtig bekannt war eigentlich nur Polo Hofer. Da war es naheliegend, dass ich meinen englisch singenden Helden wie Jeff Buckley nacheiferte und dort auftreten wollte, wo das Publikum alle Nuancen verstand. Ich hätte aber lange gebraucht, um in New York heimisch zu werden. Und ich bekam Lust, Lieder zu schreiben für meine Welt, in meiner Sprache.

Zu Hause ist die Kritik meistens unerbittlicher. Manche monie-ren, Ihre Texte seien ...
Trummer:
... nicht besonders geheimnisvoll, ich weiss. Ich will mein Publikum nicht mit Wortkunst beeindrucken, sondern einen direkten Austausch ermöglichen. Deshalb bin ich lieber volkstümlich als zwanghaft originell. Es gibt kompetente Musikkritiker, die mit meinen Liedern nichts anfangen können. Zum Glück erhalte ich auch viele positive Rückmeldungen. Wenn jemand mir schreibt, sie sei zu einer längeren Reise aufgebrochen und habe als Verbindung zur Heimat eine Platte von mir im Gepäck, ist das ein schönes Kompliment.

Gab es auch Selbstzweifel?
Trummer:
Es war nicht so, dass mir in der Schule alle gesagt hätten, meine Stimme sei so schön, ich müsse unbedingt singen. Ich habe mir das Singen erkämpft undetwas ganz Passables aus meiner Stimme gemacht. Aber manchmal denke ich: Richtig gut singen zu können, das wäre cool. Dann tröste ich mich jeweils damit, dass Bob Dylan und Leonard Cohen auch keine Grossmeister des Wohlklangs und reinen Intonierens waren.

Ihr neues Projekt «Heldelieder» macht Sie zum Buchautor, der in die Migrationsdebatte eingreift. Ist das eine komplette Neuausrichtung?
Trummer:
Nein, das ist mein Weg vorwärts. Ich habe in den letzten zwei Jahren längere Reisen gemacht, durch Kenia, Osteuropa, den Balkan und Tunesien. Daraus entsteht nun ein multimediales Werk über Begegnungen von Menschen unterschiedlichster Herkunft. Es ist ein relativ unpolitischer, aber empathischer Beitrag zur Migrationsfrage. Mir liegt daran, Menschen und ihre Herkunft zu zeigen. Tatsächlich habe ich nicht nur die Songs, sondern auch szenische Texte geschrieben; das Ganze kommt im Februar als Buch mit Zeichnungen des Illustrators Gefe und einem Anhang von Kontextinformationen heraus. Aber ich habe mich dagegen gewehrt, auf dem Klappentext als Schriftsteller angekündigt zu werden. Das wäre ein zu grosses Wort.

Sie sammeln im Internet Geld für die Finanzierung des Projekts. Ist das auch als Eingeständnis zu verstehen, dass Künstler wie Sie nicht mehr von Konzerten und dem CDVerkauf leben können? 
Trummer:
Ich arbeite seit Jahren 40 Prozent als Angestellter und 60 bis 150 Prozent als Künstler. Insofern ist das nichts Neues. Aber es ist klar, dass der CDund Download-Markt nicht mehr viel hergibt. Gleichzeitig sind dank CommunityBildung im Internet neue Marktchancen entstanden. Ich finde es schön, dass wir via Crowdfunding ein aufwendiges Projekt wie «Heldelieder» mitfinanzieren können, aber es ist für die Musikindustrie natürlich kein Rezept gegen die Schäden, welche die Internet-Piraterie anrichtet.

Ihr Publikum wäre grösser, wenn Sie einen Pop-Hit schreiben würden statt der Migration nachzuspüren oder frutigdeutsche Gedichte zu vertonen. 
Trummer:
Mein Ehrgeiz geht eher dahin, ein viel beachtetes Werk herauszugeben, das von meiner Auseinandersetzung mit der Welt zeugt. Ein extrem populärer Titelsong kann zur Hypothek werden für ein Album, für eine ganze Laufbahn. Mir liegt mehr daran, das Leben zu kartografieren. Was bekomme ich denn von den Künstlern, die ich verehre? Am ehesten doch das Gefühl, dass da einer den Arm um meine Schulter legt und zu mir sagt: «Ich weiss. Ich kenne das. Du bist nicht allein.» Wenn meine Musik für ein paar Leute diese Funktion hat, zum Soundtrack ihres Lebens wird, dann bin ich glücklich. Zudem bewahre ich mir die Hoffnung, dass viele, die meine Musik mögen würden, sie noch gar nicht entdeckt haben.

Das ausführliche Interview: www.beruf-berufung.ch