«Man sucht sich seine Aufgaben nicht aus»

Job-Storys 30. Oktober 2015
«Man sucht sich seine Aufgaben nicht aus»
Der gelernte Werbefotograf Manuel Bauer fand über die Jahre zu einer Aufgabe, die weit über das Fotografieren hinausgeht. Zuletzt half er beim Umzug eines ganzen Dorfs in Nepal mit. Davor dokumentierte er eine Flucht aus Tibet und begleitete vier Jahre lang den Dalai Lama. «Nichts hat so viel Kraft wie das richtige Projekt zur richtigen Zeit», sagt der preisgekrönte Fotograf.

Interview: Mathias Morgenthaler
Herr Bauer, Sie haben vor 20 Jahren einen Vater und seine sechsjährige Tochter beim siebentägigen Fussmarsch über den 5700 Meter hohen Nangpa-Pass von Tibet nach Nepal begleitet. War Ihnen klar, dass Sie dabei Ihr Leben aufs Spiel setzen?

Manuel Bauer: Ja, das war mir vollauf bewusst. Es war eine Mischung aus politischer Motivation und Empathie, die mich dazu bewog, dieses Risiko in Kauf zu nehmen. Ab einem gewissen Punkt fühlte ich mich sogar dazu verpflichtet. Es ist ein Privileg, darüber entscheiden zu können, ob man sein Leben aufs Spiel setzt für eine wichtige Sache. Die Tibeter stehen nie vor dieser Frage, sie werden in lebensgefährliche Umstände hineingeboren. Das Projekt begleitete mich über Jahre, zwischenzeitlich verdrängte ich es erfolgreich, dann meldete es sich zurück. Man sucht sich seine Aufgaben ja nicht aus, es sind die Aufgaben, die einen finden. Eines Tages gab ich den Widerstand auf, machte mich an die Planung. Ich hätte aber nie geglaubt, dass ich allein einen Vater und ein Mädchen begleiten könnte. Das war eine einmalige Chance, die mir das Schicksal da gegeben hatte.

Viele sind bei der Flucht erschossen worden oder erfroren, andere mussten sich Körperteile amputieren oder sich gefangen nehmen lassen. Haben Sie das alles ausgeblendet?
Ich spürte von Anfang an, wie stark diese Geschichte wird, welche Resonanz sie haben kann. Das gab mir Kraft. Zudem tröstete ich mich mit dem Gedanken: «Wenn das Schicksal, das mir diese einmalige Chance gibt, mich hier umkommen lässt, dann will ich ohnehin nichts mehr mit ihm zu tun haben.» Nach einigen Tagen macht man sich sowieso keine Gedanken mehr. Wegen der enormen Strapazen waren wir sozusagen im Automatik-Modus unterwegs. Wir waren 16 Stunden pro Tag bei -20 Grad am Gehen, ohne Rast fürs Essen und Trinken. Ich erinnere mich noch, dass ich plötzlich wütend wurde auf das Mädchen, weil es im Gegensatz zu uns nichts schleppen musste – das zeigt, in welch erbärmlichem Zustand ich war. Auch dachte ich, ich hätte im Gebirge kaum mehr fotografiert, und staunte später in der Dunkelkammer über die vielen Aufnahmen.

Zwischen 2001 und 2005 haben Sie vier Jahre lang den Dalai Lama als eine Art Hoffotograf begleitet. Was wollten Sie mit dieser Arbeit erreichen?
Ich fotografierte den Dalai Lama seit 1990 immer wieder als Funktionsträger. Dabei merkte ich: Es werden immer ähnliche Bilder von ihm publiziert: der lachende Mönch, der in eine Menschenmenge winkt. Mir wurde bewusst, dass ein wichtiger Teil seiner Persönlichkeit nicht greifbar, nicht dokumentiert worden war. Es vergingen sieben Jahre, bis alles passte und wir die Zusammenarbeit beginnen konnten.

Wie konnten Sie an der Seite eines so prominenten Menschen arbeiten?
Es war eine grosse Herausforderung. Selbst als offiziell zugelassener Fotograf unterliegt man ja dem Berufsfluch, dass man eigentlich keinen Platz hat und immer im Weg ist. Man muss alles berücksichtigen, das Sicherheitsdispositiv, die Protokolle, die Logistik, die ungeschriebenen Gesetze. Es war ein Balanceakt zwischen Nähe und Distanz. An sich war es ein unpolitisches Projekt, eine Portraitaufgabe, aber natürlich wollte ich mit den Bildern auch in Erinnerung rufen, dass in Tibet 6 Millionen Menschen unterdrückt werden. Es darf aber nie in blinde Propaganda abdriften, denn im Kern bin ich Journalist, der sich immer wieder die Frage stellt, ob er aufrichtig ist in dem, was er macht. Glücklicherweise vertrug sich diese kritische Haltung gut mit der Persönlichkeit des Dalai Lama. Ich kenne niemanden, der so authentisch, weise und humorvoll ist wie er.

Sie haben in vier Jahren über 75'000 Fotos gemacht – wie behält man die Übersicht in einer solchen Flut?
Indem man sich viel Zeit nimmt für Sichtung und Auswahl. Damals habe ich noch analog fotografiert, heute im digitalen Zeitalter wären es bestimmt zehn Mal so viele. Ich war schon immer der Sammler-Typ. Ich entscheide erst hinterher bei der Auswahl, was gut und gültig ist. Das hängt auch damit zusammen, dass die Intuition bei der Arbeit im Feld eine wichtige Rolle spielt. Man muss logistisch und inhaltlich alles im Griff haben, wissen, wer wann mit wem in welchen Raum tritt, aber das allein reicht nicht. Gute Fotos gelingen mir nur, wenn ich im entscheidenden Moment alles ausblenden kann, wenn ich ganz durchlässig bin und mitschwinge. Deswegen mag ich auch die schlichten Bilder, die stark von der Stimmung leben, besonders. Als ich den Dalai Lama an seinem spirituellen Rückzugsort besuchte, wo er drei Wochen lang mit niemandem ein Wort geredet hatte, spürte ich sofort, wie sehr er in sich gekehrt war. Es ist eine delikate Sache, dann mit einem Fotoapparat in den Raum zu treten und womöglich noch mit zitternden Händen das Objektiv zu wechseln. Aber es hat sich gelohnt. Auf manchen Bildern – so habe ich den Eindruck – zeigt sich auf seinem Antlitz etwas vom Inneren.

Nach vier Jahren verzichteten Sie darauf, das Projekt zu verlängern – ohne zu wissen, was folgt. Gehört das zu Ihnen, dass Sie immer wieder den schwierigen Weg wählen?
Nichts hat so viel Kraft wie das richtige Projekt zur richtigen Zeit. Das Wichtigste war für mich stets, etwas zu lernen, mich weiterzuentwickeln. Und tatsächlich fand mich auch dieses Mal ein neues Projekt. Ich entdeckte ein Dorf im nepalesischen Hochland mit 85 Bewohnern, die wegen des Klimawandels ihre Lebensgrundlage verloren hatten. Die Bewohner mussten mangels Schnee und Schmelzwasser umziehen, hatten aber kein Geld und als Selbstversorger auch keine Zeit für ein solches Projekt. Über eine Reportage im «Magazin» gelang es, 1000 Spender zu finden, die eine halbe Million Franken einbrachten. Der Umzug ist inzwischen über die Bühne gegangen, im Mai sind die 18 neuen Bauernhäuser am neuen Standort der Dorfbevölkerung übergeben worden.

Fragen Sie sich manchmal, wie lange Sie noch die Energie für diese Arbeitsform aufbringen?
Ich versuche vom Privileg, in der Schweiz geboren zu sein, etwas zurückzugeben, mich zu engagieren. Ich habe keine Altersvorsorge und mag meine Kräfte nicht einteilen. Ich investiere Geld und Energie immer in das aktuelle Projekt. Im schlimmsten Fall muss ich gegen Ende meines Lebens ins Armenhaus und bekomme täglich eine Suppe – die hätte ich verdient, finde ich. Ich bin da relativ unbesorgt, denn es hat mir noch nie wirklich an etwas gefehlt. Ich lebe zum Beispiel seit 11 Jahren mit meiner Familie in einem Haus, das meine Verhältnisse weit übersteigt, und zahle die monatliche Miete in Form eines Bildes. Solche Tauschgeschäfte sind viel beglückender, als sich mit Geld Luxus zu kaufen.

 
Kontakt und Information:
www.manuelbauer.ch
Vortragstournée ab 23. November: www.explora.ch/programm/himalaya_dalai_lama
Das ganze Interview mit einer Auswahl von Bildern auf www.beruf-berufung.ch