«Gesundheitsberufe haben Zukunft»

Job-Storys 16. September 2015
«Gesundheitsberufe haben Zukunft»
Ein Gespräch mit Jörg Meyer, Direktor Höhere Fachschule Gesundheit Zentralschweiz.
Jörg Meyer, überall ist vom Pflegefachkräftemangel die Rede. Ist es wirklich so schlimm?
Jörg Meyer: Die demografische Entwicklung mit der Zunahme der älteren Menschen führt zu einem höheren Bedarf an Pflegefachkräften, besonders in der Langzeitpflege. Verschiedene Berichte weisen ein bedrohliches Ausmass aus. Laut dem «mittleren» Bevölkerungsszenarium des Bundesamtes für Statistik dürften die über 65-Jährigen bis 2020 um ein Vielfaches im Vergleich zu den Erwerbsfähigen zunehmen. Deshalb benötigen die Institutionen im Gesundheitswesen 25 000 zusätzlich qualifizierte Pflegefachkräfte bis 2020. Auf die Zentralschweiz heruntergebrochen müssen die Spitäler, die Alters- und Pflegeheime sowie die Spitex-Organisationen in den nächsten fünf Jahren 1615 Vollzeitstellen schaffen und mehr Personen einstellen. Zudem müssen rund 5700 Gesundheitsfachleute wegen Erreichen des Pensionsalters ersetzt werden.

Was kann man dagegen tun?
Meyer: Die Spitäler, Heime und Spitex-Organisationen haben, ebenso wie auch die Zentralschweizer Interessengemeinschaft Gesundheitsberufe (ZIGG), in den letzten Jahren viel unternommen, um die Gesundheitsberufe attraktiver zu machen. Erfolge zeigen sich beispielsweise in der Tatsache, dass die Lehre als Fachfrau oder Fachmann Gesundheit (FaGe) gleich nach der kaufmännischen Ausbildung am zweitbeliebtesten ist und die Anzahl Lehreintritte immer noch jährlich steigt. Die gleiche Tendenz zeigt auch die noch ganz junge Ausbildung Assistentin/Assistent Gesundheit und Soziales. Auch an der HFGZ sieht der Anmeldestand für Biomedizinische Analytik HF mit 23 Studierenden und Pflege HF mit 190 Studierenden für den Herbst sehr positiv aus. Zählt man den Studienbeginn vom Frühling dazu, verzeichnen wir für das Jahr 2015 erstmals über 275 neue Studierende in der Pflege. Das entspricht beinahe 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Nichtsdestotrotz sind wir als Ausbildungsstätte dauernd gefordert, innovative und auf die Praxis zugeschnittene Angebote zu entwickeln und den Studierenden attraktive Ausbildungen anzubieten.

Können Sie dazu Beispiele aufzeigen?
Meyer: Die HFGZ hatte 2005 eine verkürzte Ausbildung (zwei Jahre statt drei Jahre) zur diplomierten Pflegefachfrau/-mann speziell für FaGes entwickelt. Mit dem Start der ersten Klasse waren wir damals Pionier. Inzwischen wählen rund zwei Drittel der Studierenden
in der Zentralschweiz diese verkürzte Ausbildungsvariante. Zurzeit sind wir daran, den Studienlehrplan zu überprüfen, um ihn noch gezielter auf die Bedürfnisse der Praxis und der Studierenden auszurichten. Ein anderes Beispiel kann ich aus dem Bereich der Nachdiplomstudien NDS HF nennen. Der neue Studienlehrplan, der ab Oktober in Kraft tritt, legt mit einem Anteil von bis zu 40 Prozent grossen Wert auf die fachlich übergreifende Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Fachrichtungen Anästhesie-, Intensiv- und
Notfallpflege. Mit speziellen interdisziplinären Modulen können nicht nur viele Synergien genutzt werden, sondern es eröffnet den Studierenden Perspektiven über die eigene Fachrichtung hinaus. Die Entwicklung der Lehrpläne erfolgte mit breiter Abstützung und
fachlichem Einbezug der Praxis, also Ärzte und Pflegeverantwortliche aus allen Fachrichtungen, Ausbildungsverantwortliche und Berufsbildende aus den Betrieben.

Welche Vorteile hat die HFGZ als private Schule, welche seit 2010 von den Gesundheitsbetrieben getragen wird?
Meyer: Dank dieser Trägerschaft verfügen wir über eine grosse Verankerung in den Ausbildungsbetrieben unserer Studierenden. Dies ist immer wieder durch das hohe
Engagement der Betriebe spürbar. Diese wählen die Studierenden auch selber aus und stellen sie direkt an. Wir haben somit einen engen und direkten Austausch mit der Praxis und können Anliegen und Verbesserungsmöglichkeiten schnell aufnehmen. Die private Trägerschaft ermöglicht uns zudem einen grossen unternehmerischen Spielraum.

Die HFGZ ist als höhere Fachschule Teil der höheren Berufsbildung. Was zeichnet diese aus?
Meyer: Die Höhere Berufsbildung richtet sich an Berufsleute mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis, die sich auf hohem Niveau zur ausgewiesenen Fachkraft weiterbilden wollen. Mit der Höheren Berufsbildung vertiefen Berufsleute ihr Fachwissen und erlangen
eine eidgenössisch anerkannte Qualifikation. Diese eröffnet ihnen fachliche Möglichkeiten oder den Weg in eine leitende Position. Es gibt drei Arten: Die Berufsprüfung BP (eidg. Fachausweis) ermöglicht eine erste fachliche Vertiefung und Spezialisierung nach der beruflichen Grundbildung. Die Höhere Fachprüfung HFP (eidg. Diplom) qualifiziert Experten in ihrer Branche oder für Leitungspositionen. Die Voraussetzung ist in der Regel eine Berufsprüfung. Die Höheren Fachschulen HF fördern Kompetenzen im Bereich der Fach- und Führungsverantwortung. Sie sind generalistischer und breiter ausgerichtet als die eidgenössischen Prüfungen.

Welche Perspektiven bieten sich Ihren Studierenden?
Meyer: Unsere Absolventinnen und Absolventen sind – nicht zuletzt auch aufgrund des steigenden Fachkräftemangels – sehr gefragt auf dem Stellenmarkt und können in ihrem Beruf verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen. Menschen stehen bei ihrer Arbeit im Vordergrund, sei es bei der Zusammenarbeit im Team, der interdisziplinären  Zusammenarbeit mit anderen Fachkräften oder aber im Kontakt mit Patienten und deren
Angehörigen. Es stehen zudem vielseitige Weiterbildungsangebote in den Bereichen Management (Abteilungsleitung), Ausbildung (Berufsbildner, Erwachsenenbildner) oder Fachvertiefung (Intensiv-, Anästhesie- oder Notfallpflege oder ein Studium an einer Fachhochschule) offen.

Was fasziniert Sie an der HFGZ und Ihrem Job?
Meyer: Als Direktor kann ich Themen der Bildung und Gesundheit miteinander verknüpfen. Diese Themen bewegen und sind von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Die gesamte Gesundheitsversorgung ist von grosser Dynamik geprägt, das gefällt mir. Zudem kann ich eng mit vielen Betrieben zusammenarbeiten und wertvolle Kontakte pflegen. Wenn dann am Schluss der Ausbildung Studierende ihre Diplome entgegennehmen, ist dies auch für mich immer wieder ein bewegender Moment. Als Schule sind wir mit unserem Neubauprojekt ebenfalls dynamisch unterwegs, und ich freue mich jetzt schon auf die Eröffnung des neuen Bildungszentrums im 2019. Insgesamt kann ich meine verschiedenen Ausbildungen und beruflichen Erfahrungen ideal kombinieren und zur Entfaltung bringen – was will ich mehr!
Interview PD