«Leistungen dürfen nicht abgebaut werden»

Job-Storys 27. Mai 2014
«Leistungen dürfen nicht abgebaut werden»
Es braucht vermehrt Freiwillige in der Alterspflege und -betreuung, heisst es. Simone Gretler Heusser von der Hochschule Luzern sagt, wo die Chancen und Grenzen hierfür liegen.
 
Es ist viel davon die Rede, dass es in Zukunft für die Pflege und Betreuung von alten Menschen mehr Freiwillige braucht. Wieso?
Simone Gretler Heusser:
Bis im Jahr 2050 wird in Westeuropa gegen ein Drittel der Bevölkerung über 65 Jahre alt sein. Damit wird auch der Pflege- und Betreuungsaufwand steigen. Aus Kostengründen kann dieser aber nicht nur über eine weitere Professionalisierung oder eine Erhöhung der Anzahl Pflegebetten geleistet werden. Deshalb sind alternative Lösungen gefragt.
 
Dann pflegen künftig vermehrt Freiwillige unsere ältere Bevölkerung?
Gretler Heusser: Nein, soweit darf es nicht kommen. Für die professionelle Pflege und Betreuung braucht es nach wie vor genügend gut ausgebildetes Personal. Es wäre auch gefährlich und illusorisch zu glauben, dass mit mehr Freiwilligen beispielsweise eine Spitex ersetzt werden kann. Der Einsatz der freiwilligen Helferinnen und Helfer darf nicht dazu führen, dass bestehende Leistungen abgebaut werden. Es geht ja um eine Unterstützung der Professionellen und nicht um eine Schwächung.
 
Was leisten denn die Freiwilligen?
Gretler Heusser: Bereits heute sind viele Freiwillige in der Altersarbeit tätig. Altersheime setzen Freiwillige ein, die beispielsweise Nachtwachen übernehmen, regelmässige Besuche abstatten und die Bewohnerinnen und Bewohner auf kurze Spaziergänge begleiten. Die Aufgaben der Freiwilligen sind auch künftig im Bereich der niederschwelligen Betreuung anzusiedeln. Das Ziel sollte sein, die Lebensqualität der alten Menschen zu erhalten und zu verbessern und im Endeffekt zu ermöglichen, dass sie länger zu Hause leben können und nicht in ein Pflegeheim umziehen müssen. Auf diese Weise werden die professionellen Kräfte am besten entlastet.
 
Können Sie konkrete Beispiele von solchen Aufgaben nennen?
Gretler Heusser: Freiwillige können beispielsweise ein Erzähl-Kaffee betreiben. Dann geht es auch um den Ausbau bereits bestehender Angebote wie Fahr- oder Einkaufsdienste, Mittagstische für Ältere und gemeinsame Ausflüge. Solche Projekte unterstützen Seniorinnen und Senioren darin, so lange wie möglich eigenständig zu bleiben, und sie verhindern zudem, dass Alleinstehende vereinsamen. Je nach Ausgestaltung können sie auch zur besseren Verständigung der Generationen beitragen.
 
Wie meinen Sie das?
Gretler Heusser: Durch den demografischen Wandel leben immer häufiger vier Generationen gleichzeitig in einer Familie. Doch vermehrt fehlen die Berührungspunkte zwischen Alt und Jung. So gibt es zum Beispiel weniger Enkelkinder, auf die man aufpassen müsste. Deshalb können mit spezifischen Projekten die sogenannten intergenerationellen Beziehungen gepflegt werden: Seniorinnen und Senioren unterstützen im Klassenzimmer die Lehrkräfte. Oder auf einem Spielplatz werden auch Geräte für ältere Menschen bereitgestellt, damit ein Generationenspielplatz entstehen kann.
 
Wer soll solche Projekte organisieren?
Gretler Heusser: Nicht die Freiwilligen selber, ihr Einsatz sollte nicht an eine Vorstandstätigkeit oder ähnliches gebunden sein. Vielmehr sehe ich hier Quartierbüros, Pfarreien, Seniorenverbände, Gemeinden oder Institutionen wie das Rote Kreuz in der Pflicht. Ihre Aufgabe ist es, Freiwillige zu rekrutieren und zusammen mit ihnen Projekte zu lancieren sowie diese zu koordinieren.
 
Gibt es denn genügend potenzielle Freiwillige?
Gretler Heusser: Gerade die Gruppe der älteren Menschen hat grosses Potenzial. Vor allem die sogenannt jungen Alten, also die eben Pensionierten, sind vielfach noch sehr fit, oftmals auch wohlhabend und verfügen über Ressourcen. Hier gilt es anzusetzen. Wichtig ist, dass die Freiwilligen Wertschätzung für ihre Arbeit erhalten, in ihrer Aufgabe geschult und unterstützt werden, sich austauschen können. Ganz zentral ist zudem, dass die Helferinnen und Helfer  ihre Ideen einbringen und mitentscheiden können, welche Projekte realisiert werden sollen. Es braucht also deren intrinsische Motivation. Denn die Baby-Boomer, die jetzt nach und nach pensioniert werden, sind bereit anzupacken, sofern sie die Arbeit interessiert und sie den Nutzen darin für sich selber erkennen.
 
Vermehrt ist von der Kulturgeragogik, also der Kulturarbeit mit Älteren zu hören. Ist das ebenfalls ein Bereich, in dem Freiwillige tätig sein können?

Gretler Heusser: Nein, Kulturgeragogik will die künstlerisch-kulturelle Arbeit mit Älteren fördern. Hierzu werden Fachleute aus- und weitergebildet. Da geht es beispielsweise um Biografie- und Erinnerungsarbeit, um Kulturarbeit und Musikunterricht mit Menschen mit Demenz. Zum Beispiel wird mit einem dementen Mann Klavier gespielt und eine pflegebedürftige Frau wird zusammen mit Angehörigen ins Museum begleitet. 
 
Ist das eine Art Bespassung der älteren Menschen?
Gretler Heusser: Nein. Es ist nicht Entertainment. Auch hier geht es darum, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern und ihr Wohlbefinden zu steigern. In Deutschland ist die Kulturgeragogik weiter verbreitet als hier und es gibt erste Untersuchungen zu ihrer Wirkung. Zwar ist die Einführung von Kulturgeragoginnen und Kulturgeragogen für ein Altersheim am Anfang ein Mehraufwand. Doch man hat festgestellt, dass durch ihren Einsatz das Klima im ganzen Betrieb nachhaltig verbessert wird. Die Bewohnerinnen und Bewohner sind glücklicher, demente Patientinnen und Patienten werden ruhiger und ihr Gesundheitszustand verbessert sich. Die Zufriedenheit des Pflegepersonals steigt und die Fluktuation geht zurück. Kulturgeragogik ist keine Bespassung. Die medizinischen und psychosozialen Erfolge belegen deren Nutzen.

 
Die Aspekte des demografischen Wandels
Die Departemente Soziale Arbeit und Wirtschaft der Hochschule Luzern bieten in Kooperation mit der Kalaidos Fachhochschule, Departement Gesundheit, den «Master of Advanced Studies (MAS) Altern und Gesellschaft» an. Die Weiterbildung ist interdisziplinär aufgebaut und vermittelt einen  Überblick über wichtige Aspekte der demografischen Alterung und die Auswirkungen, die damit für Gesellschaft, Wirtschaft und Politik verbunden sind. Die Leitung haben Prof. Simone Gretler Heusser und Matthias von Bergen inne. Info-Veranstaltungen: 2. Juli und 9. September, jeweils 17.30 Uhr, Werftestrasse 1 in Luzern. Weitere Informationen: www.hslu.ch/m140.