«Eine gute Stadtführerin wird man ‚on the job’»

Berufsbilder 10. April 2014
«Eine gute Stadtführerin wird man ‚on the job’»
Alle paar Jahre werden in Luzern rund ein Dutzend neue Touristenführerinnen ausgebildet. Doris Hellmüller, Lehrgangsverantwortliche bei der Luzern Tourismus, weiss genau, worauf es bei dem Job ankommt.

Interview: Daniel Schriber
Doris Hellmüller, die Luzern Tourismus AG bildet derzeit 11 neue Stadtführerinnen aus. Wie läuft das ab?
Hellmüller: Die Ausbildung dauert rund vier Monate und beinhaltet sowohl theoretische als auch praktische Ausbildungsmodule. Die Ausbildung findet in der Regel an zwei Nachmittagen pro Woche statt – und das noch bis Ostern. Danach haben die Teilnehmerinnen zwei Wochen Zeit, um das Gelernte zu vertiefen. Anfangs Mai stehen die Abschlussprüfung und anschliessend die Diplomierung auf dem Programm.

Was beinhaltet die Ausbildung?
Hellmüller: Im Theorieteil werden unsere Studentinnen unter anderem in den Bereichen Geschichte, Kunstgeschichte, Didaktik, Touristisches Wissen, Geographie und Ortskenntnisse geschult. Vieles findet dabei im Selbststudium statt. An jedem Kursnachmittag begeben wir uns zudem nach draussen, um das Gelernte in der Praxis zu vertiefen.

Welche Eigenschaften muss eine gute Stadtführerin mitbringen?
Hellmüller: Nebst dem bereits erwähnten theoretischen Wissen, gibt es zwei Hauptbedingungen: Stadtführerinnen müssen vor Leuten reden können; dafür braucht es eine gewisse Extrovertiertheit. Ausserdem muss man mindestens zwei Sprachen beherrschen, schliesslich bieten wir die Führungen in 15 verschiedenen Sprachen an.

Gibt es Sprachen, die im Moment besonders gefragt sind?
Hellmüller: Der brasilianische Markt ist nach wie vor im Kommen – entsprechend steigt die Nachfrage nach Stadtführungen in Portugiesisch. Auch Chinesisch und Russisch sind nach wie vor sehr gefragt. Letztere Sprache wird von unseren Guides bereits gut abgedeckt. Zu betonen gilt es auch, dass der Grossteil der jährlich rund 2000 Stadtführungen nach wie vor in Schweizerdeutsch abgehalten wird.

Luzern Tourismus hat vor einigen Monaten in einem Zeitungsinserat für die Stadtführer-Ausbildung Werbung gemacht. Gab es viele Bewerber?
Hellmüller: Zirka 100 Leute nahmen zu Beginn mit uns Kontakt auf. Nach einem ersten Informationsaustausch hielten rund 60 – 70 an ihrer Bewerbung fest, am Ende schaffen es jedoch nur die wenigsten in die Ausbildungsklasse. Wir selektionieren unsere Kandidaten im Vorfeld streng. Wer den Sprung in die Ausbildung schafft, hat dafür sehr gute Chance auf einen erfolgreichen Abschluss.

Habe ich als Luzerner einen Vorteil gegenüber anderen Kursteilnehmern?
Hellmüller: Die Geburt in Luzern macht sie noch nicht zu einem guten Stadtführer (lacht). Aber klar: Einheimische kennen die Umgebung von klein auf und haben dadurch natürlich einen gewissen Vorsprung gegenüber anderen Teilnehmern. Dafür haben diese vielleicht gewisse Vorteile in der Sprache.

Welche beruflichen Hintergründe bringen ihre Studentinnen mit?
Hellmüller: Bei uns finden sich Flugbegleiterinnen, Lehrpersonen, Hochschulabsolventinnen und viele andere Berufe. Die Herkunft unserer Absolventen ist sehr heterogen, das macht die Sache spannend.

Vier Monate Ausbildung: Reicht das, um eine gute Stadtführerin zu werden?
Hellmüller: Die vier Monate bieten eine Grundlage. Aber es stimmt schon: Eine gute Stadtführerin wird man vor allem «on the job». Wir legen deshalb auch grossen Wert auf Kontinuität. Viele unserer Guides sind schon seit vielen Jahren dabei. 

Warum sind eigentlich nur Frauen dabei?
Hellmüller: Wir hätten sehr gerne auch Männer im Kurs! Das Problem ist, dass man Stadtführungen nur im Nebenerwerb ausführen kann. Wer ganz davon leben möchte, hat fast keine Chance, besonders weil es im Winter nur wenig Arbeit gibt. Ausserdem bedarf der Job eine grosse zeitliche Flexibilität. Das vereinbart sich nur schlecht mit dem klassischen Familienbild. Unter unseren rund 60 Stadtführern befinden sich gerade mal 2 Männer.

Gibt es auch Einheimische, die Ihre Stadtführungen buchen?
Hellmüller: Immer mehr! Besonders die verschiedenen Themenführungen stossen auch bei Leuten aus der Region auf ein immer grösseres Interesse. Bei Einheimischen besonders beliebt sind unsere Themen-Führungen, die jeden Samstag um 16 Uhr stattfinden.

Weitere Infos zu allen Stadtführungen: http://www.luzern.com/de/stadtfuehrungen