Voll digital: Denkansätze zur Arbeit 4.0

Job-Storys 22. März 2017
Voll digital: Denkansätze zur Arbeit 4.0
Di|gi|ta|li|sie|rung
Buzzword , reale Tatsache oder reine Panikmache?
Denkansätze zur Zukunft und Gegenwart der Arbeit.

Wie fotografieren Sie? Analog? Limitiert auf maximal 36 Bilder? In Schwarzweiss?
Der Siegeszug der Digitalfotografie ist beispielgebend für den Umbruch in Arbeit und Leben. Ein Alltag ohne Internet, Smartphone oder Navi ist quasi undenkbar. Wer im Lexikon blättert, kein Mobiltelefon besitzt und noch im Strassenatlas nachschlägt, wird schräg angesehen.

Sie ist also längst unter uns, die Digitalisierung. Seit gut zwanzig Jahren ist von ihr die Rede. Die einen hypen sie als „Zweite Moderne“, die anderen sehen sie als Bedrohung. Ja, sie stiftet Unruhe, sie polarisiert. Sie gilt als grosse Errungenschaft der Neuzeit. Prophezeit wird vieles – düstere Prognosen, skurrile Spekulationen, enorme Chancen. Wie immer: alles eine Frage der Sichtweise. Ignorieren hilft nicht weiter. Wie denn auch? Viele Jobs wären ohne Computer, Vernetzung, digitale Inhalte etc. gar nicht existent. Der Wandel ist nicht aufzuhalten, die Arbeitswelt befindet sich in Transformation und wir sind mittendrin.
Warum diese allgemeine Verunsicherung? Wovor haben wir Angst?
Entspannt euch und lest weiter!
Anfang 2017 brachte die Handelszeitung in Ausgabe Nr. 2 diesen Aufmacher: „Das ist Ihr Nachfolger. Wie hoch ist das Risiko, dass Ihr Job durch einen Roboter ersetzt wird?“ Das Ganze wurde grafisch aufbereitet, mit einer Checkliste von 60 Berufen unterfüttert und entsprechend mit Text versehen. Die Quintessenz der Doppelseite: Hängt nicht an alten Zöpfen. Stemmt euch nicht gegen den Strukturwandel. Bildet euch – lebenslang! Seid offen für Neues. „Kaum ein Beruf wird 100 Prozent von einer Maschine ersetzt werden.“, kündigt der Innovationsforscher Luc Zobrist im Interview[1] an. Die Vorstellung, dass Roboter und künstliche Intelligenzen den Menschen ganz und gar überflüssig machen, gehört in die Kategorie „Schwarzmalerei“. Widmen wir uns den Tatsachen: Produktionsprozesse ohne menschliches Zutun? Haben wir bereits. In der Automobilindustrie ist ein hoher Automatisierungsgrad vollkommen normal. Bei Augenoperationen ersetzen computergesteuerte Laser das Skalpell. Bankgeschäfte erledigen wir am heimischen PC. T-Shirts bringt der Paketbote. Selbst die eigenen vier Wände sind vernetzt. Heizung, Licht, Sicherheitsanlagen werden per App gesteuert. Die Aufzählung liesse sich beliebig fortsetzen.

Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los?
Erinnern Sie sich? Goethes Zauberlehrling. „O du Ausgeburt der Hölle! Soll das ganze Haus ersaufen? Seh ich über jede Schwelle doch schon Wasserströme laufen. Ein verruchter Besen, der nicht hören will! Stock, der du gewesen, steh doch wieder still!“[1] Betrachten wir das Szenario näher: Der Besen macht, was er will. Er ist nicht mehr zu halten, er agiert autonom.
Warum? Weil der Lehrbub das Passwort vergessen hat. Das Dilemma lässt sich 1:1 übertragen. Cyberattacken, Datenklau, Spionage – Systeme sind anfällig, unsere Gesellschaft ist es zwangsläufig auch.
Was also tun? Kopf in den Sand stecken, Pessimismus verbreiten? Jeder Wandel geht mit Unsicherheiten einher. Das Gute daran ist: Er vollzieht sich nicht von heute auf morgen. Berufsbilder kommen und gehen. Handschuhmacher, Glasbläser, Instrumentenbauer besetzen jetzt schon eine Nische. Wegrationalisiert werden wohl am ehesten Routinejobs. Die Menschen dahinter betitelt die Handelszeitung als „Robo-Proletarier“. Bürokräfte wie Sachbearbeiter, Verkäufer im stationären Handel, Zusteller, selbst Inkassobeauftragte werden aufgeführt.

Das mag zunächst bitter klingen – muss es aber nicht. Jobs, die einer gewissen Empathie bedürfen, bekämen auf einmal wieder Relevanz und gesellschaftliche Anerkennung. Ohne Ärzte, mittleres medizinisches Personal, Köche, Coiffeure, Erzieher oder Sozialarbeiter geht es auch in zwanzig oder fünfzig Jahren nicht.

Arbeit neu denken
Wie definieren Sie Arbeit? Lebensinhalt oder Mittel zum Zweck? Die Masse macht ihren Job, weil er ihnen den Lebensunterhalt sichert. Viel weniger Menschen gehen ganz und gar darin auf. Mag sein, dass es Zeiten voller Enthusiasmus gibt. Das sind die Phasen, in denen mitdenken gefördert und wertgeschätzt wird. In alten Arbeitsstrukturen ist dafür kaum Platz.
Arbeit 4.0 kann Gestaltungsfreiheit bedeuten. Es kommt wie immer auf die Perspektive an. Also: Augen und Ohren offen halten. Ruhe bewahren. Und immer wieder über den eigenen Tellerrand blicken.
 
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